
Es war schon ein außergewöhnliches Jahr, dieses 2015. Es wurde geschwitzt wie selten, im Jahrhundertsommer. Menschenmengen zogen durch Straßen und skandierten dumpfe Parolen, während andere eine nie gekannte Hilfsbereitschaft an den Tag legten und jenen halfen, die alles verloren hatten. Die Freiheit wurde angegriffen, wieder einmal. Und wieder einmal vergeblich. Ein großer Deutscher rauchte seine allerletzte Zigarette. Wenig später wurde darüber debattiert, ob man nun „Krieg“ sagen darf oder nicht. Und in Mainz gab eine Brücke den Geist auf.
Achja, Tischtennis gespielt wurde natürlich auch noch, in einem kleinen Dorf mitten in Rheinhessen. Einem Dorf, das sich über viele Jahre einen Ruf als Hochburg des schnellsten Rückschlagsports der Welt erarbeitet hat. Abenteuer. Mit diesem Wort hatte man im Vorfeld der Saison 2015/16 den sportlichen Ausblick auf das beschrieben, was da wohl kommen würde. Und ja, das Wort hätte kaum besser gewählt sein können, blickt man auf das zurück, was die erste Hälfte der Saison zu bieten hatte. Für die einen den erwartet schweren Kampf um den Klassenerhalt, für andere wichtige Erfahrungen für die eigene Weiterentwicklung und für wiederum andere das ungewohnte und dennoch wunderbare Gefühl, einmal nicht im Tabellenkeller herumzudümpeln. Egal, was am Ende zu verbuchen ist, eines steht unwiderruflich fest: So hochklassig spielten nie zuvor Mannschaften des RSV Klein-Winternheim Tischtennis. Und das allein ist ja schonmal was.
1. Mannschaft
Eigentlich ja unterhalb der Erwartungen geblieben, in der Tabelle dann letztlich aber doch auf einem Platz zu finden, der zufrieden stellt – für das Aushängeschild des RSV war die erste Hälfte der fünften Oberliga-Saison das berühmte Wechselbad der Gefühle. Mindestens den Relegationsplatz (bei vier Absteigern) galt es zu erreichen, alles andere als eine leichte Aufgabe, zumal sich der Start mehr als schwer gestaltete. Vier Niederlagen zum Auftakt ließen den Druck im Kessel ordentlich steigen. Regelmäßigen Punktgewinnen der Spitzenspieler Chen Zhibin und Bryan Blas stand eine bislang unbekannte Ladehemmung von Eigengewächs Nicolas Brusenbauch gegenüber, der sich offenbar ein Beispiel an der Treffsicherheit der deutschen G36-Gewehre genommen hatte. Sowas kann vorkommen, und es bleibt eine ganze Rückrunde, um zur alten Stärke zurückzufinden. Mannschaftsküken David Schöne muss sich ganz augenscheinlich erst noch an die neue Liga gewöhnen, gewann er doch von seinen 14 Einzel gerade mal drei. Dass das aber im Bereich des Möglichen liegt, hat so mancher Auftritt in der Vorrunde eindeutig gezeigt. Neuzugang Bernhard Ilchev bewies indes, dass das Abwehrspiel noch lange nicht ausgedient hat und holte wichtige Siege im Einzel. Nur die Suche nach dem idealen Doppelpartner, die gestaltet sich noch immer etwas schwierig, auch wenn sich Marco Gottwald da wohl als Partner der Wahl herauskristallisiert. Ach ja. Der Gottwald. Hätte man zu Beginn der Runde Wetten abgeschlossen, darauf, wer die Schlüsselfigur des plötzlich zurückkehrenden Erfolgs der Klein-Winternheimer sein würde, sein Name wäre wohl nur selten gefallen. Nach einem Bänderriss noch in akuter Gefahr, den Saisonstart zu verpassen, drehte der 19-Jährige plötzlich mächtig auf und zeigte das, was ihn schon als Nachwuchsspieler immer ausgezeichnet hatte: unbändigen Kampfgeist, gepaart mit agilem, kraftvollem Spiel. Fünfsatzspiele wurden endlich wieder zu Marcos Spezialität, Spiele wie das denkwürdige 9:5 gegen den Rheinhessen-Rivalen TSV Wackernheim, bei dem der Kapitän zwei Punkte durch Siege im Entscheidungssatz beisteuerte. Dass da auch die individuellen Trainingseinheiten mit Coach Yves Besier eine Rolle gespielt haben, liegt irgendwie nahe. Knapp 100 Zuschauer verwandelten die Haybachhalle an diesem Tag in einen Hexenkessel, Trommelschläge (Stimmung!) und Jubelschreie inklusive. Letztlich lag der RSV hauchdünn vorn, und war plötzlich auch in der Tabelle wieder in beruhigendere Regionen gelangt. Am Ende der Vorrunde ist Platz sieben eine erfreuliche Position, die aber keineswegs zum Ausruhen verleiten darf. Denn schon der kleinste Patzer kann am Ende den Abstieg bedeuten. Fakt ist: Die Rückrunde wird keinen Deut langweiliger als die Vorrunde.
2. Mannschaft
Was für ein harter Aufprall in der Realität: Zwei Jahre lang hatte die zweite Mannschaft ihre Liga aufgemischt, war souverän aufgestiegen, und hatte ein Stück weit verlernt, wie es ist zu verlieren. In der Verbandsoberliga wurde diese Lektion gelernt. Und wie. Es hagelte eine Niederlage nach der anderen, auch Neuzugang Chase Bockoven, der aus den USA nach Klein-Winternheim gekommen war und die in ihn gesetzten Erwartungen voll erfüllte, konnte hieran wenig ändern. Und doch bleibt das Gefühl, dass diese Saison für die Entwicklung der jungen Spieler Henrik Brusenbauch, Alex Schmelzeis, Florian Oehme und Matze Becker vielleicht die wichtigste ihrer bisherigen Karriere sein könnte. Nicht nur, weil auch gemeinsames Verlieren zusammenschweißt, sondern, weil das andauernde Kräftemessen mit spielerisch überlegenen Gegnern das eigene Potenzial viel besser herauskitzeln kann als der souveräne Erfolg über Schwächere. Dass die Stimmung im Team auch im Tabellenkeller unverändert gut ist, bewies eindrucksvoll das letzte Saisonspiel gegen die bis dato ebenfalls sieglosen Sportler aus Ochtendung, die die Zweite in einem spektakulären und viel umjubelten Schlussakt der Vorrunde mit 9:7 niederringen und damit die rote Laterne abgeben konnte. Fazit: Man kann in einer Saison mehr gewinnen als bloß Spiele. Viel mehr.
3. Mannschaft
Manchmal sehnt man sich nach nichts mehr als nach Ruhe. Vor allem dann, wenn es in der Vorsaison erst am letzten Spieltag den ersehnten Klassenerhalt gegeben hatte. Unter diesem Motto stand dann auch die Bezirksligasaison für die dritte Mannschaft, die zu großen Teilen verjüngt und runderneuert an den Start ging. Mit Philipp Benrath und Marvin Hemmersbach waren zwei vielversprechende junge Spieler zum RSV gewechselt, die – um es kurz zu machen – genau das zeigten, was man sich von ihnen erhofft hatte. Philipp wurde mit 20:3-Spielen zum bislang zweitbesten Spieler der Liga und zeigte im Derby gegen Sörgenloch ganz nebenbei den Ball des Jahres (ein unterm Tisch gefischer Netzroller, der beim Gegner über die Platte rollte!), Marvin erwies sich als Bank im mittleren Paarkreuz. Dazu noch die beiden Youngster Leon Görg und Lenni Meier, die trotz fehlender Erfahrung wichtige Punkte einfuhren und sich in guter Form präsentierten. Zuguterletzt zeigten Oli Haun und Steffen Nagel, dass modernes Angriffsspiel nicht alles ist und man auch mit guten Blocks oder kruder Ballonabwehr gewinnen kann. Platz drei ist die Bilanz dieser wilden Mischung, exakt die Platzierung, die man sich vor der Saison erhofft hatte. Fazit: Eine entspannte Saison ohne Druck kann etwas sehr schönes sein.
4. Mannschaft
Stammspieler? Regelmäßige Einsätze? Braucht kein Mensch. Beweist zumindest die vierte Mannschaft, die in der Vorrunde insgesamt zwölf (!) Spieler einsetzte, und mit diesem – mitunter ungewollten – Rotationsprinzip á la Bayern München großen Erfolg hatte und in der A-Klasse derzeit Rang drei belegt. Den Preis für Mister Zuverlässig heimst in der Vierten Mohsen Darej ein, der immerhin bei neun von zehn Partien an die Tische ging und zwölf seiner 16 Einzel gewinnen konnte. Fazit: Auch regelmäßiges Wechselspiel führt zum Ziel.
5. Mannschaft
Haha! Werden sich wohl die Spieler der fünften Mannschaft denken. Oder so ähnlich. Wie auch immer: Nach einem sang- und klanglosen Abstieg aus der A-Klasse in der Vorsaison zeigen die Mannen um Spitzenspieler Jens Grundmann in diesem Jahr, wie man mit nahezu gleichem Personal in der nächsttieferen Liga zum Spitzenteam avancieren kann. Die Herbstmeisterschaft ist jedenfalls schonmal in der Tasche. Und wer weiß, vielleicht steht am Ende ja sogar noch mehr zu Buche? Maßgeblichen Anteil am Erfolg der Fünften hat dabei auch Nachwuchsspieler Simon Vilz, der in seiner ersten Saison bei den Herren direkt mal bis zum letzten Spiel zu Null stand und sich nicht nur sportlich, sondern auch menschlich prima ins Team integriert hat. Fazit: Holt euch die Meisterschaft! Verdient wär’s!
Damenmannschaft
Wenn Besier, Oehme und Gottwald an die Tische gehen, stehen Spaß und Bewegung im Vordergrund, nicht der sportliche Erfolg. Stimmt natürlich nur, wenn man nicht die Söhne, sondern eben jene Mütter meint, die sich ihren Sprösslingen angeschlossen und ebenfalls nach den Schlägern gegriffen haben. Allerdings aus etwas anderen Gründen, den bereits oben beschriebenen. Ergänzt duch Romy Kiebler, Annika Meier, Regine Otto und Nachwuchsspielerin Kim Lütkemeier stehen die Frauen derzeit in der Kreisliga auf Rang fünf. Eine hauchdünne Niederlage gegen den Spitzenreiter in der Vorrunde beweist, dass gar nicht so viel fehlt, um ganz vorne mitzuspielen. Aber irgendwie drängt sich der Verdacht auf, dass das den Akteurinnen gar nicht so wichtig ist. Und das ist auch gut so. Fazit: Weiterspielen! Spaß haben und bewegen! 🙂
Von
Steffen Nagel