Frühstückshunger im Bordbistro
Wir haben nur wenig Zeit, weil ich gleich in Urlaub fahre: Einmal im Jahr Robinson Club auf Madeira, das muss einfach sein. Ich hatte ja vorgeschlagen, dass die Mannschaft den Text zusammen schreibt, bei einer dampfenden Tasse Tee, noch im Feriendomizil in Albersweiler. Erste Wortmeldung von Matthias: „Ist Z ein Buchstabe oder eine Zahl?“. Idee dann wieder verworfen. Zumal sich das vordere Paarkreuz nicht im Geringsten am Gedankenprozess beteiligte, sondern mit der Sackkarre eifrig Bierkästen ins Wohnzimmer fuhr. Ich verkroch mich ins Schlafzimmer und machte es mir mit einer Wärmflasche im Bett bequem. Irgendwann verändert sich der Lebensstil: Bei mir heißt es schon länger Magerquark und Dinkelbratlinge statt Likörpralinen und Sekterdbeeren. So ein Schluck- und Spuckspecht dagegen wie, ich sage mal: unser subäquatorialer Freund, der weiß ja noch nicht mal, dass nicht zwangsläufig jedes Korn zu Korn verarbeitet wird. Der 9:5-Sieg in Albersweiler jedenfalls wurde gefeiert wie zwei gegnerische Fehlaufschläge hintereinander: ekstatisch und oberkörperfrei.
Am nächsten Morgen karge Stimmung am Frühstückstisch. Glasige Blicke begegnetem meinem wachen Auge, das immer wieder über den Tisch wanderte, auf der Suche nach leeren Tellerchen, die ich, sobald ich eines sah, mit einem weiteren belegten Brötchen füllte. Ich schmierte um mein Leben. „Wursthunger!“, blökte Marco, wenn ich nicht hinterher kam. „Durst!“, brüllte Nicolas, wenn das Saftglas schon wieder leer war. Doch genug der einleitenden Worte. Wer zu lange ausholt, wird eingeholt: mindestens von der Vergangenheit. Deswegen jetzt mal zum Punkt kommen: In Kaiserslautern haben wir später 6:9 verloren.
Ich bin ja der Meinung, dass so viele Verrückte wie im Tischtennis sonst nur in Schießsportgruppen, im Vatikan und der CSU anzutreffen sind (Überschneidungsgefahr). Dieser fanatische Ehrgeiz, der starre Blick, das Rumgemurmele mit sich selbst, dann: ein markanter Schrei!, zack, Punkt gemacht, zum Handtuch. Glücklicherweise ist mir jedoch klar geworden, dass man hier mehr fürs Leben lernen kann als in der Schule und bei ICQ (da fällt mir ein: Irgendwie ist keiner mehr online. Hallo? Ich bin immer nachmittags da (auch wenn da Away steht;))).
Mündliche Prüfungen etwa werden mit unserem Vorwissen zum Spaziergang. Nach jeder richtigen Antwort ein sattes „Allez!“, die Prüferin fixieren, Faust machen, dann eine kleine Runde durch den Raum. Oder nach falschen Antworten eben „Macht nichts! Jetzt bist du dran! Dein Thema!“ oder wahlweise „Erbärmlich! Unfassbar!“, und schließlich, wenn gar nichts mehr geht, gegen den Tisch treten. Dazwischen dem Prüfer versichern, dass man es eigentlich viel besser könne und dieses Gespräch wirklich niemals verlieren dürfe! Einfach nur lächerlich, wie man sich hier präsentiere. Laut lachen. Am Ende den Handschlag verweigern. „Unsportlich!“ schreien.
Die Spielverläufe kann man hier und hier nachgucken. Die meisten von uns waren in fantastischer Verfassung. Trotz allem. Marco zum Beispiel: Hatte ich zur Winterpause noch prognostiziert, selbst die zweite Mannschaft werde wohl bloß dämpfende Durchgangsstation auf dem Weg ins absolute Tischtennisprekariat sein, muss ich jetzt revidieren: Es ist wie bei Udo Jürgens; man denkt, er sei tot, und dann gibt es nächstes Jahr die große Comebacktournee. Der hatte übrigens selbst mit zweiundvierzig noch mehr Esprit als mancher 18-jähriger
Von
David Weber